Rush hour. Abendstimmung in Erbil.

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Rush hour am Basar unterhalb der Zitadelle. Das Nationalitätenkennzeichen stimmt wohl nicht mehr ganz.

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Abendstimmung.

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Restaurant am Fuße der Zitadelle.

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Blick über den zentralen Platz, den Basar. Rechts der ‚alte‘ Basar, links v.a. Lebensmittel, Baubedarf und Haushaltsgegenstände, in der Mitte die modernere Form als Einkaufszentrum.

Ainkawa

Ainkawa. Reiseproviant einkaufen.

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Straße in Ainkawa. Rohbauten, auch leerstehende fertige Gebäude, gibt es in großer Zahl.

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Typischer Park mit Kinderbelustigung im Zentrum von Ainkawa.

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Super stylisch.

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Die Ausfallstraße Richtung Erbil City. Auch der Klotz rechts steht leer, rundherum ist ein Brachgrundstück. Sieht aus wie fertiggebaut, ohne dass ein Nutzer in Sicht wäre. Da sich in beiden Richtungen Hotelviertel anschließen, Richtung Ainkawa z.B. das Noble Hotel gleich links in der Querstraße, Richtung Erbil eine ganze Reihe neugebauter Hotels mit augenscheinlich niedrigerem Standard, wird auch das vermutlich ein 5-Sterne-Haus, wenn sich ein Betreiber findet. Die Hotelsterne sind übrigens Landeskategorien und nicht unbedingt mit unseren vergleichbar. Ausnahme angeblich (ich habe es nicht überprüft): Die von internationalen Ketten betriebenen Rotana und Sheraton. Ab 250$ aufwärts, das Rotana ist neuer und preislich wohl noch darüber.

Shopping. Keine Post.

Heute Basar und zwei nagelneue Shopping Malls. Ein krasser Kontrast. Der Basar ein Gewusel, wie man es sich wohl vorstellt. Zu bekommen ist dort alles, vom Baumarktsortiment über Schmuck und Juwelen, Lacoste-Hemden und handgeschneiderte Hosen und Anzüge. In den Shopping-Malls dagegen das volle Programm, nur H&M und C&A habe ich vermisst. Wird aber nicht lange dauern, bis auch die vertreten sind. Gekauft habe ich noch nichts, morgen ist auch noch ein Tag. Auf die Suche werde ich aber im Basar gehen. Für >500 $-Anzüge aus den Nobelboutiquen in den Malls habe ich momentan keinen Bedarf.

Ach so, kulinarisch heute zwei Highlights: Einen richtigen Cappuccino und eine vegetarische Pizza. In der Mall natürlich.

Urlaubspostkarte gibt es im übrigen auch keine. Schon der Versuch, Postkarten zu kaufen scheitert am fehlenden Angebot. Ja, wirklich: Keine Tourisouvenier-Läden, keine Postkartenständer, nirgends. Nur der Souvenierladen in der Citadelle hat neben Handwerkskunst auch einfache Landkarten von Erbil und Kurdistan und auf Nachfrage in einer Schublade hinter dem Tresen auch ein Postkartenset mit 10 Landschaftsmotiven.

Die Postkarte würde aber auch nicht helfen, es gibt auch kein Postwesen. Beim Plaudern mit einem Polizisten (welcome to kurdistan, where are you from, …) gab’s die Auskunft, dass es schlicht keine Briefmarken zu kaufen gibt. Die allenthalben in der Stadt hängen Briefkästen sind wohl noch aus dem Saddam-Zeit ? In Sachen Infrastruktur gibt es hier noch einiges zu tun. Bei dem – vor allem am Bauboom sichtbaren – Entwicklungstempo der Stadt besteht Hoffnung, dass auch die grundlegenden Infrastrukturmaßnahmen angegangen und schnell verwirklicht werden.
Der Polizist konnte im übrigen auch die Mannschaften der Bundesliga fast komplett aufzählen ;).

Nachtrag: Es gibt sie doch, die Briefmarken. Man muss offenbar wie bei vielem, v.a. geschäftlichen hier, wissen wie und wo. Dann können die Postkarten doch noch auf den weg gehen.

Ein Rundblick am zentralen Platz vor der Citadelle und dem Basar:

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Nachtrag zu Taxifahren und Essen und Trinken in Erbil

Ainkawa ist, wie schon erwähnt, der christliche Stadtteil von Erbil. Auf der Rückfahrt heute Abend in die City wieder ein Ranglistenkanditat unter den Taxifahrern. Sportlich klarer Platz 1, aber nur mit 9 Punkte, da er sich am Basar im Zentrum verfahren hat. Steckte sich gleich nach dem losfahren auch erstmal ne Kippe an, war insgesamt vollkommen entspannt (womit auch immer er zugedröhnt war) und hatte auch seine Ampelpausenbeschäftigung: Ein bis zweimal die Gebetskette hoch und runter. Da kann ja nix passieren.

Essen nach internationalem Hotelstandard zu halbwegs erträglichen Preisen gibt es in der Sky-Bar, 7. Stock Noble-Hotel, ebenfalls in Ainkawa (gleich an der ersten Querstraße rechts, von Erbil-City aus). Also Sandwiches, Bürger, Pommes (sonst auch nicht so einfach zu bekommen), Pasta in überschaubaren Portionen für 12-15 $. Mit dem Irakischen Dinar kommt man in den besseren Hotels nicht weit. Kleines Bier 5 $, naja, kann man sich mal gönnen. Am späteren Abend trifft sich hier das internationale Publikum in bar-club-Atmosphäre. Weiter Clubs soll es übrigens eine ganze Reihe geben, nicht nur in den internationalen Hotels, aber so weit bin ich noch nicht.

Ebenfalls in Ainkawa hatten wir heute einen guten Türken mit dem üblichen Programm. Aber gut und reichlich in angenehm modernen Ambiente.

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Heute ging es mit einem Kleinbus mit Fahrer ins gebirgige Hinterland der Provinz Erbil / Hawler bis an die Grenze zum Iran, vorbei an zig Checkpoints mit freundlich (schon wieder dieses Wort, aber es trifft’s wie es ist) Soldaten, die immer lächelnd grüssen, aber kein einziges Mal die Pässe sehen wollen, in eine trotz oder gerade wegen des wechselhaften Wetters wunderschöne Landschaft. Von der hatte einst vor knapp hundert Jahren schon Karl May geträumt. Von was die tanzenden Kurden auf dem Parkplatz so träumen, war leider nicht zu erfahren. Gut gelaunt waren sie allemal. Dazu später mehr, aber ein paar Bilder sollen auch heute nicht fehlen.

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Taxifahrer

Wenn man hier in Erbil von A nach B will, hat man drei Möglichkeiten: Zu Fuß (eher nur für kurze Strecken üblich), mit Minibussen (da muss man ersteinmal verstehen, wo die langfahren) oder – das meistbenutzte Verkehrmittel außer dem eigenen Auto – dem Taxi.

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Meine kleine Rangliste der Taxifahrer:

Nr. 3: Spricht oder versteht zumindest soweit Englisch, dass eine rudimentäre Verständigung möglich ist. Allerdings wird Sheraton nie verstanden, Schiiraduun schon eher. (Nein, dort wohne ich nicht, bin ja nicht Krösus. Aber es liegt in der Nähe, und dort werden vermutlich auch nachts im Nebenzimmer keine Partys gefeiert, die man noch auf der gegenüberliegenden Straßenseite hören dürfte). Nr. 3 fährt sportlich und knackt an jeder roten Ampel ausgiebig sämtliche Gelenke an den Fingern durch. Immerhin hat er den Gurt angelegt, als der Verkehrspolizist an der Kreuzung ins Auto geschaut hat.

Nr. 2: Geht gefühlt auf die 70 zu, fährt dementsprechend etwas entspannter. Kaut während der Fahrt auf Zahnstochern herum, die er bei jedem Ampelstop vorne aufs Armaturenbrett wirft. Dort lieg alles voll davon. Verständigung nur mit den Händen möglich, rechts, links, geradeaus, klappt so aber. Zum Glück ist die Stadt, trotz 800.000 Einwohnern, sehr übersichtlich, man findet vom Zentrum aus eigentlich immer den Weg.

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Nr. 1: Mittleres Alter, Typ Familienvater. Spricht gutes Englisch, redet drauf los und die ganze Zeit. Erzählt von seinem Haus, seinen Kinder (nicht aber von seiner Frau), fragt penetrant nach den eigenen Verhältnissen. Findet Deutschland toll und Hitler sowieso. Sind froh, als wir den wieder loshaben und laufen die letzten Meter zu Fuß.

Der erste Taxifahrer, vom Flughafen in die Stadt, war immer noch der beste.

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Essen und Trinken

Lecker, aber doch etwas einseitig. Zumindest das, was wir bisher gefunden haben. Die auswärtige Esskultur, soweit ich sie bis jetzt entdecken konnte, besteht aus wenigen Standardgerichten, Hackfleisch, festes Fleisch oder chicken am Spieß gegrillt (immer über offenem Holzkohlefeuer), weiße Bohnen, Auberginen, Paprika in einer Tomatensoße, Reis. Als Vorspeise sauer eingelegte Karotten, rohe Zwiebeln, Tomaten, kleingeschnippelter Paprika. Dazu Ayran, Wasser, danach Tee.
Zumindest die Mittagsesskultur ist irgendwie ähnlich unserer Kantinenkultur. Man geht in eines der Restaurants, wird dort schnell bedient, eine Art von Massenbetrieb, isst, trinkt Tee, geht weiter arbeiten. Dies in einer für mich entspannt wirkenden, angenehmen Atmosphäre und Gelassenheit. Da sollte ich mir was von abschauen.

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Iskan Street.

Überhaupt, Tee. Zu jeder Tageszeit, in der Teestube, davor am Straßenrand, an kleinen Ausschänken an der Strasse, im Restaurant. Mit viel Zucker, stark gezogen. Ein sehr passendes und leckeres Getränk, das vor allem mit einem verbunden wird: Reden, Kommunikation.

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Shopping Mall. Man beachte den Namen.

Dagegen Bier und andere Alkoholika – erwartungsgemäß Fehlanzeige. Kommt einfach nicht vor. Zumindest im arabischen Teil Erbils. Es stört aber auch nicht, man braucht den Alkohol hier einfach nicht, um zu leben. Und das Leben findet auf der Strasse statt, Straßen wie der Iskan Street mit Restaurants und Läden, einer Shopping Mall und viel Publikum, fehlt der Alkohol und die Kneipen dazu nicht.
Ganz aufgeschmissen ist man als durchschnittsabhängiger Mitteleuropäer aber doch nicht: In Ainkawa, dem christlichen Viertel, am Stadtrand gelegen, aber mit einer ansehnlichen Hoteldichte ausgestattet, gibt es die Alkläden in Reihe, wie ich dies bisher nur in Kalifornien gesehen habe. Und wie dort: Immer schön in die Tüte verpacken, auf der Strasse trinken, wird dann doch wohl nicht so gerne gesehen. Zumindest haben wir dies nicht gesehen, haben uns aber trotzdem mit nem Bit in der Hand hingesetzt. Hat niemand gesehen – oder doch niemand gestört.

Mein Hotel übrigens, liegt im arabischen Teil.

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Unterhalb der Zitadelle.

Ein Auswärtsspiel. Schade.

Arbil spielt zwar oben in der irakischen Liga mit, hat am Wochenende aber ein Auswärtsspiel bei Al Talaba SC – Studenten Sport Club – aus Bagdad. Da kann ich mit meinem Stempel im Pass alleine nicht hin, und weil morgen Freitag ist, bekomme ich so schnell sicher auch kein Visum. Schade, das wäre bestimmt eine interessante Auswärtsfahrt geworden.

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Womans Gym in der Haupttribüne.

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Der Nebenplatz, das eigentliche Stadion im Hintergrund. Leider war alles verrammelt und keine Security da, zum Fragen.

Ein erster Eindruck. Erbil, Kurdistan.

Freundlich sind die Leute. Weshalb dies bemerkenswert ist, an erster Stelle ? Weil es die Vorurteile widerlegt, die in manch einem Gespräch vor Antritt der Reise in die Autonome Region Kurdistan (Irak) mehr oder weniger unterschwellig kamen. Wir haben zu sehr das von den Medien vermittelte Bild der Kriegs- und Krisenregion Irak vor Augen, kennen aber offenbar zu wenig die Entwicklung und die Geschichte, schon gar nicht die Realität dieser Region, dieses Landes, das kein Staat sein darf.
Die Freundlichkeit äußert sich in vielen kleinen Eindrücken. Aber man sieht sie vor allem am Umgang der Menschen auf der Strasse, im Basar, im Restaurant miteinander und mit Fremden wie mir. Man wird gefragt, woher man kommt, man will sich mit mir Fotographieren lassen (alle fotographieren ständig, am liebsten sich gegenseitig), es wird so lange jemanden mit Englisch- oder Deutschkenntnissen gesucht, bis man sich verständigt hat. Man läuft über die Strasse und wird – als Fremder selbstverständlich erkannt – ‚welcome to kurdistan‘ begrüßt und angesprochen, woraus sich kurze, angenehme Gespräche entwickeln. Gastfreundlichkeit im besten Sinne.
Dieser Eindruck, willkommen zu sein, ergänzt sich durch das Gefühl, dass durch den seit Jahrzehnten fehlenden Massentourismus hier auch die einschlägigen negativen Seiten fehlen. Strassenkriminalität scheint es nicht zu geben, man wird wie gesagt angesprochen, aber nicht nur um in ein Touristenfallen-Restaurant gelotst zu werden, die Geldwechsler auf der Strasse scheinen genauso ehrlich wie die Taxifahrer zu sein. Nur nebenbei: Es gibt zwar Banken und mittlerweile zumindest hier in Erbil auch wieder Geldautomaten, aber keine Wechselstuben, wie ich sie aus Südeuropa und andernorts kenne. Und Taxameter kennt man nicht, die Taxipreise in der Stadt sind dennoch immer gleich und günstig.

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Die kleinen Geschichten am Rande in einem doch zumindest unbekannten Land, dessen Kultur wir aber eigentlich ganz gut kennen. Die Einreise in die Autonome Region Kurdistan ist – zumindest über den Flughafen Erbil (IATA: EBL) – einfach mit dem Reisepass möglich. Ein Visum muss erst vor Ort beantragt werden, wenn der Aufenthalt länger als 10 Tage dauern soll. Der – natürlich freundliche – Beamte (wenn es denn hier so etwas doch irgendwie typisch deutsches überhaupt gibt) am Schalter hat anscheinend bisher noch keinen deutschen Pass gesehen. Er fragte mich nach meinem Namen, schaute unsicher alle Seiten durch – da kam ihm auch schon ein Kollege zu Hilfe. Der schaut kurz in den Pass, raunzt den jungen Kollegen an, das seit ein deutscher Pass, fragte mich, wie lange ich bleiben will, mahnte die 10-Tage Frist an und winkte mich durch. Der Zoll hat sich übrigens überhaupt nicht für die ankommenden Gäste interessiert. Schön wäre es, wenn dies bei der Wiedereinreise in die EU auch so wäre: Bei einem Preis für ein Päcken Kippen von ca. 80 Cent.
Die Hürde Einreise war also genommen, also den anderen Passagieren nach durch das nagelneue, derzeit noch deutlich überdimensionierte, aber Zukunft hoffentlich besser ausgelastete Flughafengebäude. Vor dem Flughafen ein paar wartende Businessleute, Taxis und ein Bus ohne Zielangabe (nicht, dass ich die hätte lesen können), in den aber alle Einheimischen mit schwerem Gepäck einstiegen. Ich also hinterher, der Bus wird schon irgendwie Richtung City fahren. Das tat er auch. Aber nur ca. 2 km an die Grenze des Flughafengelaendes. Hier stand eine Menge an Abholern und Begruessern. Grosses Hallo, Kindergeknuddel, Küsschen – aber natürlich nicht fuer mich, sondern selbstverständlich für die Heimreisenden im Bus. Als solche erkennbare Taxis gab es auf diesem Parkplatz leider auch keine, aber ein freundlicher Security-Mitarbeiter, der mir einem Wagen heranruft. Das Taxi-Schild lag im Kofferraum, muss wohl irgendwann abgefallen sein. In sportlicher Fahrweise ging’s dann Richtung City, nach 10 Telefonaten und mehrfachen Kollegen anhuben und fragen, hatten wir auch das Hotel gefunden. Ich glaube, sogar auf dem kürzesten Wege.

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Noch ein Bild von heute:

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Ankommen in Aveiro

Spanien, Autobahn von Burgos nach Portugal. Geradeaus der Sonne entgegen. Es wird mittlerweile später Nachmittag, fahren, tanken, fahren wir noch richtig ? Raststätten, die so zweckdienlich sind, wie nur eine solche Stätte an einem so verlassenen, sich mit den anderen gleichenden, Ort sein kann. Wie sie sein muss.

Nach langer Fahrt ist die portugiesische Grenze in Sicht, wenn auch noch nicht sichtbar, aber fast greifbar nahe. Doch der Hunger quält langsam, es ist Zeit für eine kleine Rast. Gleich nach der Autobahnausfahrt eine Tankstelle im Nirgendwo. Daneben ein Restaurant, klein, dreckig aber authentisch. Das Wohnzimmer liegt gleich hinter dem kleinen Gastraum mit der Theke und dem unvermeidlichen, angeschabten Schinken. Gelsenkirchner Barock, oder zumindest doch eine regionale Abwandlung, prägt den Raum. Die Damentoilette ist das Familienbad, der Gastraum ist eingedeckt, aber leer. Man mag sich die Feiern, die tägliche Gastfreude und die Freude der Gäste vorstellen. Der Laden lebt. Nach zwei Käsebroten und Cola geht es weiter.

Noch 100, noch 200 km ? Dann endlich: Portugal. Es scheint, als ändere sich sofort das Land, die Landschaft, die Menschen. Freude stellt sich ein. Wir fahren an der ersten Raststätte raus. Es erwartet uns ein kantinenartiges Ambiente, eigenartig, einzigartig angenehm. Nach kurzer Versorgung mit Café und Zigaretten sind wir wieder auf der Straße. Aveiro wartet.

In Aveiro warten zunächst wir. Der Ort unserer Verabredung mit V. aus Rom erweist sich als verlassene Gasse, am Kanal gelegen, aber auch ein Ort, der zu anderen Zeiten, am späten Abend und in der Nacht zum Leben erwacht. Die Verwirrung hält sich nur kurz, dann große Wiedersehensfreude, stilecht auf der kleinen Brücke über den Kanal. Der Abend wird länger und schön. Ein Bierchen am Fischmarkt, im Anschluss hervorragendes Essen, der Tisch quillt von Platten und Tellern fast über, der vinho verde schmeckt und mischt sich mit der Erleichterung, nun angekommen zu sein. Später am Fischmarkt tobt das Leben. Studenten, internationales Geplapper, trotz der späten Stunde ist es angenehm warm. Noch ein Sagres bitte!

Wir sind angekommen.

Alentejo bei Nacht

Porto – Santarem, es wird dunkel. Evora 150 Kilometer zeigt das Schild. Kann nicht sein, wir sind falsch. Runter auf die N114-3. Stockdunkel, enge Straße. Noch 80 Kilometer. Es ist nach 20 Uhr, der einzige Weg führt nach Evora. Kein Hotel, aber das ist kein Problem. IBIS Evora, muss klappen, ein Zimmer wird frei sein, es ist März, keine Saison – aber vielleicht ein Event ? Nun N-114, breiter, gerade aus. Nehmen wir eine der Fernfahrerabsteigen ? Wir diskutieren, ob dies eine Erfahrung wert wäre.

Weiter fahren, noch 58 km bis Evora. Glücklicherweise keine LKWs vor uns, nur heizende Kleinwagen. Die Dunkelheit wird dennoch undurchdringlicher.

In der Breite eingeschränkte Brücken. Verengte Fahrbahn mit der Beschilderung, die ich mir schon vor 25 Jahren in der Fahrschule nicht gemerkt hatte. Roter oder weißer Pfeil – wer hat Vorrang ?

Trotz fast vollem Mond weiterhin Dunkelheit. Die Straße ist aber dennoch gut zu fahren, die Barchetta ist zuverlässig, es geht voran. Voran und weiter, 40 km bis Evora. Und es wird spät, wir haben nicht gegessen und es ist absehbar: nach zweiundzwanzig Uhr ist auch Evora dunkel wir die N 114. Wir fahren weiter.

Einundzwanziguhr gleich, angekommen. Im Hotel eingescheckt, hoch in das Centro, nettes Lokal mit einem römisch angehauchten Atrium. Dort können wir rauchen, essen, der vinho branco ist gut.

Sehr gut.

Einen ersten Eindruck des Alentejos in der Dunkelheit zu bekommen ist bleibend, vermutlich unverrückbar. Wir haben uns die Landschaft vorgestellt. Auf und ab, das eintauchen in das kleine Tal, die Traverse über den Fluß, das weitere geradeaus in ein weites Land mit dem Grün des Frühjahres und den Korkeichen, die weinen.

 

 

Evora

Hotelzimmer in Evora, Vinho tinto alentejo. Heute sind wir unterwegs gewesen, einfach drauf los. Alte Mauern mit jungen Paaren, die sich offenbar, aber unvermeidbar gestört gefühlt haben, sonst weites Land, Straßen immer gerade aus.

Morgen folgt die Einordnung. Wir waren an Orten, an denen Saramago vorbeigefahren ist. Warum auch immer.

Im Restaurante o’templo sind wir die einzigen Auswärtigen gewesen. Sonst nur Männer, ausser einer lauten, betrunkenen. Gegessen haben wir auch, den auf dieser Tour bisher besten Bacalhau. Kleingeschnittene Kartoffeln, Knoblauch. Danach Erdbeeren und Café. Und vinho branca – nicht die Klasse von gestern, aber gut und ehrlich.

Die Männer im Lokal waren auf einmal still. Socrates im Fernsehen, Rücktritt. Schweigen. Schweigen noch immer, man hört ihm zu. Die Betrunkene wird zurechtgewiesen. Da Silva spricht, dann Socrates, er tritt zurück. Applaus, unterdrückte Genugtuung, einer gibt seinen Unmut zu und geht rauchen. Eine solche Stille, wie während dieser Rede, habe ich in keinem Restaurante erlebt. Bisher.

 

 

Feirense – Belenenses 1:0

Auf dem Weg von Aveiro nach Porto ein Zwischenstopp. Santa Maria da Feira, Stadion zentrumsnah, der übliche ehemals weiß gestrichene, nun abgeblätterte Beton. Blaue Plastikschalen, recht neu, eine Hintertortribüne fehlt. Vielleicht 3.000 Zuschauer wollen an diesem Sonntag Nachmittag Zweitligafußball sehen, bei Feirense an die 50 Ultras, bei Belenenses eine 10-köpfige Gruppe. Ansonsten ältere Herren, halbe Familien mit Kindern. Insgesamt eine entspannte, am Spiel interessierte Stimmung. Dass es keine Werbeinlagen gibt, keinen Stadionsprecher, keine Animation – angenehm. Zur Halbzeit strömen fast alle Besucher von der, mittlerweile gut aufgeheizten (durch die Sonne!), Nordtribüne in zwei umliegende Bars. Stadioncatering gibt es, ausser einen Wasser-und-Chips-Verkäufer, keines. Nach der Viertelstunde strömt das Publikum wieder zurück ins Stadion. Manch einer kommt ein paar Minuten später, man ist aber wieder mit voller Konzentration beim Spiel und beim Support.

Zum Fußball, der dort gespielt wurde ist wenig zu sagen. Gekicke, geholze, bolzen im besten Sinne. Selten ein geordneter Spielaufbau, Feirense öfters mal über einen gezielten Pass in die offenen linke Seite. Der Aufbau endet meist aber in einem – so scheint es – unkontrollierten wegschlagen des Balles.

Vor der Halbzeit steht es dann durch einen der wenigen schönen Spielzüge: Angriff zentral, abgewert, im Nachdrücken Querpass nach rechts, dort alles frei und ein gewaltiger Schuß. 1:0, dabei blieb es auch.

Feirense - Belenenses

Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn

Schlimm sind eigentlich nur die Geschwindigkeitsbegrunzungen. 110. 120. Über hunderte, gefühlte Kilometer. Krämpfe im (Gas-)Fuß, irgendwann im rechten Bein. Nicht wegen Bleifuß, sondern wegen der ungewohnten, dauerhaft angestrengten Haltung, die man nicht kennt, wenn man das Fahren in Deutschland mit Vollgas, Stop-and-go, linke Spur und gib ihm (eigentlich ihr, der Barchetta) gewohnt ist.

Richtig unangenehm war die Strecke von Clermont-Ferrand bis Bordeaux. Leere Autobahn, wie in Frankreich nun mal üblich – schon gar Samstag nachmittags, dann Regen, Dunkelheit, tiefstehende Wolken, viel Land, aber kein Meer in Sicht. Und das waren erst Kilometer 600 bis 800 von Weil am Rhein bei Portugal.

In Bordeaux dann Glück: Ein IBIS-Schild im Augenwinkel, vorbeihuschend. Noch besser, Etap neben dran. Einen Tipp wert: An der Bastide, gegenüber des Zentrums am anderen Ufer der Garonne. Modern, neu, üblicher Standard, gut, frei. Ok, ich mag die Accor-Hotels, wenn ich auf Durchreise bin.

Abfahrt in Bordeaux und – 150 Kilometer Tempo 110 bis zur spanischen Grenze. Autofahrers Hölle, was tut man nicht für die Natur. Die ist dort aber – von der Autobahn aus betrachtet, aber auch nicht schön. Was soll’s: Die Tour von San Sebastian bis Burgos ist Erhohlung pur. Kurvige, abwechslungsreiche Strecke, interessante Landschaft, schnelles fahren, gutes vorankommen.

Wir sind einfach drauflos gefahren. Vor dem losfahren mal kurz bei Google Earth die Strecke grob angeschaut, für unterwegs gibt es ja Schilder. Bei Burgos steht dann auch auf dem Richtungswegsweiser am Autobahnkreuz „Portugal“. Also sind wir richtig, weiter geht’s. Die tausend Kilometer sind nun auch schon lange vorbei, die Hälfte ist geschafft. Zwei, drei Stunden später dann Unsicherheit. Lange war kein Schild nach Portugal zu sehen, dafür steht nun wieder Madrid  ausgeschildert. Dass in Frankreich alle Straßen nach Paris führen, wissen wir. Die nach Rom sowieso. Aber 300 Kilometer vor der portugiesischen Grenze liegt Madrid geradeaus wieder näher ? Ein Zwischenstopp an einer Tankstelle – ohne zu tanken – klärt uns auf. Portugal gerade aus. Man kann nach Schildern, ohne Karte dort hinfahren. Wir kommen!

Pausen haben wir seit Weil am Rhein und Bordeaux eigentlich keine. Wie fahren, wir haben einen Termin. Also alle 400 km tanken, das Auto voll, die Blase leer, einen Kaffee. Und weiter.

Nach Santarem dann kurz von der Autobahn herunter. Wir sind nun acht Stunden seit Bordeaux unterwegs. Tankstelle, Bar, Käse-Sandwich (frisch gehobelt). Und weiter.

Endlich Portugal. Die Weite des spanischen Hochlandes wird durch grünes, bergiges, bewohntes Land getauscht. Wieder Zivilisation, wieder Autofahren. Nach 500 km Tempo 120 nun endlich bergab, bergauf, ein Genuss. Bei 140 überholt uns ein LKW mit 160. Noch anderthalb Stunden bis Aveiro. Dort sind wir mit einer Freundin aus Rom verabredet. Aber dies ist eine andere Geschichte.

Wir sind pünktlich. Nach 2100 Kilometern in zwei Tagen, fast auf die Minute angekommen. Nach zwei, drei Super Bock, leckeren Essen, sitzen und drinken auf dem Platz vor dem Mercade do peixe, sind wir da. Angekommen.

 

Reiseliteratur

Gut vorbereitet will ich Sehen, Kennenlernen und Schmecken. Also müssen Bücher mit, bereits gelesene, zu lesende und zeitlose. Glücklicherweise fährt uns dieses mal unser Auto nach Portugal. Im Fluggepäck wäre die Mitnahme der kleinen Potugal-Bibliothek fast undenkbar, oder doch zumindest unbezahlbar.

So aber, können mit:

– Die Praktischen (Reiseführer, Wörterbuch und Karten).
– Die zu lesenden: dreimal Lissabon, einmal Saramago.
– Die Zeitlosen, zum nachschlagen und schmökern (nochmals Saramago und natürlich Pessoa).

Durchaus gespannt bin ich auf die drei Bücher mit gleichen Titel. Die Auflagen sind von 1989 (Heinemann), 2005 (Frank) und 2009 (Scholl). Fange ich – rein zeizlich natürlich – vorne oder hinten an ? Oder vielleicht doch in der Mitte. Ein kurzes Blätter zeigt dass Claus-Günther Frank trotz literarischem Bezug den praktischen Nutzen nicht aus dem Blick verlieren zu scheint, Sabine Scholl eine Verschlagwortung wählt, deren Sinn (oder auch Berechtigung) sich mir hoffentlich nach dem Lesen erschließt und Ellen Heinemann wohl, auf den ersten Blick, Textfragmente aneinanderreiht, deren Gehalt sich hoffentlich nicht aus der Zusammenhangslosigkeit im Blick auf die Urtexte ergibt.

Bleiben die beiden (kunst-)historischen Portugal-Führer. Hans Peters Burmeisters Portugal hat sich bei der letzten Tour auf den Spuren Saramagos bereits bewährt. Ein gelesenes Buch, aber dennoch eine große Hilfe bei der Einordnung des Sehens. Hans Strelockes Portugal fällt zunächst durch die ungewohnte Tourwahl von Süd nach Nord auf. Der erste Eindruck nach den einführenden Kapiteln zu Geschichte und Kunstgeschichte lässt jedoch auf viel mit klarer wissenschaftlicher Sprache geschriebene Erfahrung hoffen. Sicherlich, auch durch die Gliederung in Touren, ein spannender Tourenhelfer.