Shopping. Keine Post.

Heute Basar und zwei nagelneue Shopping Malls. Ein krasser Kontrast. Der Basar ein Gewusel, wie man es sich wohl vorstellt. Zu bekommen ist dort alles, vom Baumarktsortiment über Schmuck und Juwelen, Lacoste-Hemden und handgeschneiderte Hosen und Anzüge. In den Shopping-Malls dagegen das volle Programm, nur H&M und C&A habe ich vermisst. Wird aber nicht lange dauern, bis auch die vertreten sind. Gekauft habe ich noch nichts, morgen ist auch noch ein Tag. Auf die Suche werde ich aber im Basar gehen. Für >500 $-Anzüge aus den Nobelboutiquen in den Malls habe ich momentan keinen Bedarf.

Ach so, kulinarisch heute zwei Highlights: Einen richtigen Cappuccino und eine vegetarische Pizza. In der Mall natürlich.

Urlaubspostkarte gibt es im übrigen auch keine. Schon der Versuch, Postkarten zu kaufen scheitert am fehlenden Angebot. Ja, wirklich: Keine Tourisouvenier-Läden, keine Postkartenständer, nirgends. Nur der Souvenierladen in der Citadelle hat neben Handwerkskunst auch einfache Landkarten von Erbil und Kurdistan und auf Nachfrage in einer Schublade hinter dem Tresen auch ein Postkartenset mit 10 Landschaftsmotiven.

Die Postkarte würde aber auch nicht helfen, es gibt auch kein Postwesen. Beim Plaudern mit einem Polizisten (welcome to kurdistan, where are you from, …) gab’s die Auskunft, dass es schlicht keine Briefmarken zu kaufen gibt. Die allenthalben in der Stadt hängen Briefkästen sind wohl noch aus dem Saddam-Zeit ? In Sachen Infrastruktur gibt es hier noch einiges zu tun. Bei dem – vor allem am Bauboom sichtbaren – Entwicklungstempo der Stadt besteht Hoffnung, dass auch die grundlegenden Infrastrukturmaßnahmen angegangen und schnell verwirklicht werden.
Der Polizist konnte im übrigen auch die Mannschaften der Bundesliga fast komplett aufzählen ;).

Nachtrag: Es gibt sie doch, die Briefmarken. Man muss offenbar wie bei vielem, v.a. geschäftlichen hier, wissen wie und wo. Dann können die Postkarten doch noch auf den weg gehen.

Ein Rundblick am zentralen Platz vor der Citadelle und dem Basar:

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Nachtrag zu Taxifahren und Essen und Trinken in Erbil

Ainkawa ist, wie schon erwähnt, der christliche Stadtteil von Erbil. Auf der Rückfahrt heute Abend in die City wieder ein Ranglistenkanditat unter den Taxifahrern. Sportlich klarer Platz 1, aber nur mit 9 Punkte, da er sich am Basar im Zentrum verfahren hat. Steckte sich gleich nach dem losfahren auch erstmal ne Kippe an, war insgesamt vollkommen entspannt (womit auch immer er zugedröhnt war) und hatte auch seine Ampelpausenbeschäftigung: Ein bis zweimal die Gebetskette hoch und runter. Da kann ja nix passieren.

Essen nach internationalem Hotelstandard zu halbwegs erträglichen Preisen gibt es in der Sky-Bar, 7. Stock Noble-Hotel, ebenfalls in Ainkawa (gleich an der ersten Querstraße rechts, von Erbil-City aus). Also Sandwiches, Bürger, Pommes (sonst auch nicht so einfach zu bekommen), Pasta in überschaubaren Portionen für 12-15 $. Mit dem Irakischen Dinar kommt man in den besseren Hotels nicht weit. Kleines Bier 5 $, naja, kann man sich mal gönnen. Am späteren Abend trifft sich hier das internationale Publikum in bar-club-Atmosphäre. Weiter Clubs soll es übrigens eine ganze Reihe geben, nicht nur in den internationalen Hotels, aber so weit bin ich noch nicht.

Ebenfalls in Ainkawa hatten wir heute einen guten Türken mit dem üblichen Programm. Aber gut und reichlich in angenehm modernen Ambiente.

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Heute ging es mit einem Kleinbus mit Fahrer ins gebirgige Hinterland der Provinz Erbil / Hawler bis an die Grenze zum Iran, vorbei an zig Checkpoints mit freundlich (schon wieder dieses Wort, aber es trifft’s wie es ist) Soldaten, die immer lächelnd grüssen, aber kein einziges Mal die Pässe sehen wollen, in eine trotz oder gerade wegen des wechselhaften Wetters wunderschöne Landschaft. Von der hatte einst vor knapp hundert Jahren schon Karl May geträumt. Von was die tanzenden Kurden auf dem Parkplatz so träumen, war leider nicht zu erfahren. Gut gelaunt waren sie allemal. Dazu später mehr, aber ein paar Bilder sollen auch heute nicht fehlen.

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Taxifahrer

Wenn man hier in Erbil von A nach B will, hat man drei Möglichkeiten: Zu Fuß (eher nur für kurze Strecken üblich), mit Minibussen (da muss man ersteinmal verstehen, wo die langfahren) oder – das meistbenutzte Verkehrmittel außer dem eigenen Auto – dem Taxi.

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Meine kleine Rangliste der Taxifahrer:

Nr. 3: Spricht oder versteht zumindest soweit Englisch, dass eine rudimentäre Verständigung möglich ist. Allerdings wird Sheraton nie verstanden, Schiiraduun schon eher. (Nein, dort wohne ich nicht, bin ja nicht Krösus. Aber es liegt in der Nähe, und dort werden vermutlich auch nachts im Nebenzimmer keine Partys gefeiert, die man noch auf der gegenüberliegenden Straßenseite hören dürfte). Nr. 3 fährt sportlich und knackt an jeder roten Ampel ausgiebig sämtliche Gelenke an den Fingern durch. Immerhin hat er den Gurt angelegt, als der Verkehrspolizist an der Kreuzung ins Auto geschaut hat.

Nr. 2: Geht gefühlt auf die 70 zu, fährt dementsprechend etwas entspannter. Kaut während der Fahrt auf Zahnstochern herum, die er bei jedem Ampelstop vorne aufs Armaturenbrett wirft. Dort lieg alles voll davon. Verständigung nur mit den Händen möglich, rechts, links, geradeaus, klappt so aber. Zum Glück ist die Stadt, trotz 800.000 Einwohnern, sehr übersichtlich, man findet vom Zentrum aus eigentlich immer den Weg.

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Nr. 1: Mittleres Alter, Typ Familienvater. Spricht gutes Englisch, redet drauf los und die ganze Zeit. Erzählt von seinem Haus, seinen Kinder (nicht aber von seiner Frau), fragt penetrant nach den eigenen Verhältnissen. Findet Deutschland toll und Hitler sowieso. Sind froh, als wir den wieder loshaben und laufen die letzten Meter zu Fuß.

Der erste Taxifahrer, vom Flughafen in die Stadt, war immer noch der beste.

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Essen und Trinken

Lecker, aber doch etwas einseitig. Zumindest das, was wir bisher gefunden haben. Die auswärtige Esskultur, soweit ich sie bis jetzt entdecken konnte, besteht aus wenigen Standardgerichten, Hackfleisch, festes Fleisch oder chicken am Spieß gegrillt (immer über offenem Holzkohlefeuer), weiße Bohnen, Auberginen, Paprika in einer Tomatensoße, Reis. Als Vorspeise sauer eingelegte Karotten, rohe Zwiebeln, Tomaten, kleingeschnippelter Paprika. Dazu Ayran, Wasser, danach Tee.
Zumindest die Mittagsesskultur ist irgendwie ähnlich unserer Kantinenkultur. Man geht in eines der Restaurants, wird dort schnell bedient, eine Art von Massenbetrieb, isst, trinkt Tee, geht weiter arbeiten. Dies in einer für mich entspannt wirkenden, angenehmen Atmosphäre und Gelassenheit. Da sollte ich mir was von abschauen.

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Iskan Street.

Überhaupt, Tee. Zu jeder Tageszeit, in der Teestube, davor am Straßenrand, an kleinen Ausschänken an der Strasse, im Restaurant. Mit viel Zucker, stark gezogen. Ein sehr passendes und leckeres Getränk, das vor allem mit einem verbunden wird: Reden, Kommunikation.

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Shopping Mall. Man beachte den Namen.

Dagegen Bier und andere Alkoholika – erwartungsgemäß Fehlanzeige. Kommt einfach nicht vor. Zumindest im arabischen Teil Erbils. Es stört aber auch nicht, man braucht den Alkohol hier einfach nicht, um zu leben. Und das Leben findet auf der Strasse statt, Straßen wie der Iskan Street mit Restaurants und Läden, einer Shopping Mall und viel Publikum, fehlt der Alkohol und die Kneipen dazu nicht.
Ganz aufgeschmissen ist man als durchschnittsabhängiger Mitteleuropäer aber doch nicht: In Ainkawa, dem christlichen Viertel, am Stadtrand gelegen, aber mit einer ansehnlichen Hoteldichte ausgestattet, gibt es die Alkläden in Reihe, wie ich dies bisher nur in Kalifornien gesehen habe. Und wie dort: Immer schön in die Tüte verpacken, auf der Strasse trinken, wird dann doch wohl nicht so gerne gesehen. Zumindest haben wir dies nicht gesehen, haben uns aber trotzdem mit nem Bit in der Hand hingesetzt. Hat niemand gesehen – oder doch niemand gestört.

Mein Hotel übrigens, liegt im arabischen Teil.

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Unterhalb der Zitadelle.

Ein Auswärtsspiel. Schade.

Arbil spielt zwar oben in der irakischen Liga mit, hat am Wochenende aber ein Auswärtsspiel bei Al Talaba SC – Studenten Sport Club – aus Bagdad. Da kann ich mit meinem Stempel im Pass alleine nicht hin, und weil morgen Freitag ist, bekomme ich so schnell sicher auch kein Visum. Schade, das wäre bestimmt eine interessante Auswärtsfahrt geworden.

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Womans Gym in der Haupttribüne.

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Der Nebenplatz, das eigentliche Stadion im Hintergrund. Leider war alles verrammelt und keine Security da, zum Fragen.

Ein erster Eindruck. Erbil, Kurdistan.

Freundlich sind die Leute. Weshalb dies bemerkenswert ist, an erster Stelle ? Weil es die Vorurteile widerlegt, die in manch einem Gespräch vor Antritt der Reise in die Autonome Region Kurdistan (Irak) mehr oder weniger unterschwellig kamen. Wir haben zu sehr das von den Medien vermittelte Bild der Kriegs- und Krisenregion Irak vor Augen, kennen aber offenbar zu wenig die Entwicklung und die Geschichte, schon gar nicht die Realität dieser Region, dieses Landes, das kein Staat sein darf.
Die Freundlichkeit äußert sich in vielen kleinen Eindrücken. Aber man sieht sie vor allem am Umgang der Menschen auf der Strasse, im Basar, im Restaurant miteinander und mit Fremden wie mir. Man wird gefragt, woher man kommt, man will sich mit mir Fotographieren lassen (alle fotographieren ständig, am liebsten sich gegenseitig), es wird so lange jemanden mit Englisch- oder Deutschkenntnissen gesucht, bis man sich verständigt hat. Man läuft über die Strasse und wird – als Fremder selbstverständlich erkannt – ‚welcome to kurdistan‘ begrüßt und angesprochen, woraus sich kurze, angenehme Gespräche entwickeln. Gastfreundlichkeit im besten Sinne.
Dieser Eindruck, willkommen zu sein, ergänzt sich durch das Gefühl, dass durch den seit Jahrzehnten fehlenden Massentourismus hier auch die einschlägigen negativen Seiten fehlen. Strassenkriminalität scheint es nicht zu geben, man wird wie gesagt angesprochen, aber nicht nur um in ein Touristenfallen-Restaurant gelotst zu werden, die Geldwechsler auf der Strasse scheinen genauso ehrlich wie die Taxifahrer zu sein. Nur nebenbei: Es gibt zwar Banken und mittlerweile zumindest hier in Erbil auch wieder Geldautomaten, aber keine Wechselstuben, wie ich sie aus Südeuropa und andernorts kenne. Und Taxameter kennt man nicht, die Taxipreise in der Stadt sind dennoch immer gleich und günstig.

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Die kleinen Geschichten am Rande in einem doch zumindest unbekannten Land, dessen Kultur wir aber eigentlich ganz gut kennen. Die Einreise in die Autonome Region Kurdistan ist – zumindest über den Flughafen Erbil (IATA: EBL) – einfach mit dem Reisepass möglich. Ein Visum muss erst vor Ort beantragt werden, wenn der Aufenthalt länger als 10 Tage dauern soll. Der – natürlich freundliche – Beamte (wenn es denn hier so etwas doch irgendwie typisch deutsches überhaupt gibt) am Schalter hat anscheinend bisher noch keinen deutschen Pass gesehen. Er fragte mich nach meinem Namen, schaute unsicher alle Seiten durch – da kam ihm auch schon ein Kollege zu Hilfe. Der schaut kurz in den Pass, raunzt den jungen Kollegen an, das seit ein deutscher Pass, fragte mich, wie lange ich bleiben will, mahnte die 10-Tage Frist an und winkte mich durch. Der Zoll hat sich übrigens überhaupt nicht für die ankommenden Gäste interessiert. Schön wäre es, wenn dies bei der Wiedereinreise in die EU auch so wäre: Bei einem Preis für ein Päcken Kippen von ca. 80 Cent.
Die Hürde Einreise war also genommen, also den anderen Passagieren nach durch das nagelneue, derzeit noch deutlich überdimensionierte, aber Zukunft hoffentlich besser ausgelastete Flughafengebäude. Vor dem Flughafen ein paar wartende Businessleute, Taxis und ein Bus ohne Zielangabe (nicht, dass ich die hätte lesen können), in den aber alle Einheimischen mit schwerem Gepäck einstiegen. Ich also hinterher, der Bus wird schon irgendwie Richtung City fahren. Das tat er auch. Aber nur ca. 2 km an die Grenze des Flughafengelaendes. Hier stand eine Menge an Abholern und Begruessern. Grosses Hallo, Kindergeknuddel, Küsschen – aber natürlich nicht fuer mich, sondern selbstverständlich für die Heimreisenden im Bus. Als solche erkennbare Taxis gab es auf diesem Parkplatz leider auch keine, aber ein freundlicher Security-Mitarbeiter, der mir einem Wagen heranruft. Das Taxi-Schild lag im Kofferraum, muss wohl irgendwann abgefallen sein. In sportlicher Fahrweise ging’s dann Richtung City, nach 10 Telefonaten und mehrfachen Kollegen anhuben und fragen, hatten wir auch das Hotel gefunden. Ich glaube, sogar auf dem kürzesten Wege.

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Noch ein Bild von heute:

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